Der Jura bietet nicht nur wunderschöne Landschaften, er ist auch für die Wirtschaft unseres Landes bedeutend. Denn er ist die Heimat der Schweizer Uhrenindustrie, deren Ableger, die Marken und Zuliefererbetriebe, über den gesamten Gebirgsbogen von Genf bis fast nach Basel verteilt sind.

VON TIMM DELFS

Die Schweiz ist das Uhrenland per Definition, doch die wenigsten haben sich je den Kopf zerbrochen, weshalb das so ist. In einer Zeit, in der die Angst vor dem Fremden wieder salonfähig wird, während ganze Völker auf der Flucht sind, weil sie in ihrer Heimat zu einer Minderheit gehören, ist es vielleicht keine schlechte Idee, daran zu erinnern, dass die Schweiz in ihrer Geschichte häufig von Vertriebenen profitiert hat, die in unserem Land Asyl suchten. Die Uhrmacherei beispielsweise kam im 17. Jahrhundert mit den Hugenotten zu uns, die in ihrer Heimat Frankreich ihres Glaubens wegen verfolgt wurden.

Sie fanden zunächst in Genf Asyl, doch die Calvin-Stadt hatte nicht genügend Platz für die Flüchtlinge, von denen viele Uhrmacher oder Goldschmiede waren. Deshalb wanderte manch einer von ihnen nordostwärts, um sich in Städten wie Neuenburg und Yverdon niederzulassen.

Als geschäftstüchtige Spezialisten waren sie auf günstige Arbeitskräfte angewiesen. Diese fanden sie in den Jurahöhen: Bauern, die bisher während der Wintermonate, wenn die Felder schneebedeckt waren, zur Untätigkeit verdammt gewesen waren. Dank der neuen Auftraggeber hatten sie nun auch im Winter Arbeit, die bald auf die ganze Familie verteilt wurde. Zur Schneeschmelze brachten die Bauern, die nun zu Zulieferern geworden waren, die von ihnen angefertigten Einzelteile, von deren Funktion sie keine Ahnung hatten, ins Tal zu ihren Auftraggebern. Diese hatten sogenannte Etablisseur-Betriebe gegründet, in denen die angelieferten Einzelteile zu fertigen Uhren zusammengebaut wurden. Diese Arbeitsteilung – bei der nur der Etablisseur wusste, wie eine fertige Uhr funktioniert, während seine Zulieferer jeweils nur einen Teil des Ganzen fertigten, ohne zu wissen, wozu es gut ist – funktionierte eine Zeitlang, doch bald siegte die Neugier. Und so entstanden allmählich auch hoch oben in den abgelegenen Tälern Manufakturbetriebe, die ganze Uhren fertigten.

Uhrenmacher

Ein Amphitheater mit Weitblick: Creux du Van im Val de Travers, Kanton Neuenburg.
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So kommt es, dass man bekannte Uhrenmarken nicht nur in Städten wie Genf und Neuenburg, sondern auch in entlegenen Tälern wie dem Vallée de Joux oder dem Val de Travers findet. Wer den Jura auf den Spuren der Uhrmacher bereisen möchte, dem wird ein einziger Tag nicht genügen. Es empfiehlt sich vielmehr, punktuell vorzugehen und dabei auch die übrigen Reize der Umgebung, wie Landschaft und Architektur, nicht zu vergessen.

Drei Perlen

Wenn es eine typische Uhrmacherlandschaft gibt, dann ist es für unsere Begriffe am ehesten das (oder die) Vallée de Joux, ein Hochtal mit einem malerisch gelegenen See. Hier befinden sich so illustre Manufakturen wie Jaeger-LeCoultre, Audemars Piguet oder Blancpain. Während es im Sommer grün und zuweilen so warm ist, dass man im See baden kann, herrschen im Winter polare Temperaturen, die den See nicht selten vollständig zufrieren lassen, sodass man darauf Schlittschuh laufen kann und die Einheimischen mit Kufenbooten darüber segeln. Übernachten kann man im «Hôtel des Horlogers» in Le Brassus, wo man sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu Audemars Piguet und deren Privatmuseum befindet. Etwas rustikaler geht es im «Hotel de la Lande» mitten im Dorf zu. Wer lieber in Seenähe logiert, wird im «Hotel Le Rocheray» glücklich, das sich in unmittelbarer Nähe zur Manufaktur Jaeger-LeCoultre in Le Sentier befindet.

Le Sentier hat auch ein eigenes, modern ausgestattetes Museum, das Espace Horloger. Die privaten Sammlungen von Audemars Piguet und Jaeger-LeCoultre sind nur nach Voranmeldung zu besichtigen. Ein weiterer wichtiger «Pôle Horloger» ist natürlich die auf 1000 Metern gelegene Stadt La Chaux-de-Fonds, wo sich auch das bekannte Musée International d’Horlogerie (MIH) befindet, ein architektonisch interessanter Bau aus den siebziger Jahren, der zu 90 Prozent unterirdisch angelegt ist. Die Planstadt mit ihrem rechtwinklig angelegten Strassennetz wurde auf die Bedürfnisse der Uhrenindustrie zugeschnitten und befindet sich im Inventar des UNESCO-Welterbes. Aktive und stillgelegte Uhrenfabriken bestimmen das Stadtbild, wobei immer mehr Uhrenmarken neue Fabriken auf die grüne Wiese stellen und so den Landstreifen zwischen der grossen Uhrmacherstadt und dem etwas weiter südwestlich gelegenen Le Locle zupflastern. Auch Le Locle beherbergt einige namhafte Uhrenmarken, darunter Zenith, Ulysse Nardin und Tissot. Doch hier lohnt sich vor allem ein Besuch des Museums Château des Monts, eine ideale Ergänzung zum MIH.

Wer glaubt, in Genf noch Uhrmacher bei der Arbeit zu erwischen, wird enttäuscht sein. Die Strassen abseits der Prachtmeilen sind flankiert von Billig-Uhrenläden, die Taschenmesser, Kuckucksuhren und elektronische Armbanduhren mit Schweizerkreuz verkaufen. Die Rue du Rhône wiederum besteht fast ausschliesslich aus Markenboutiquen, in die man sich als Normalsterblicher kaum hineintraut. Die beiden grossen Namen der Stadt, Patek Philippe und Vacheron Constantin, haben ihre städtischen Produktionsstandorte längst in edle Flagship-Stores verwandelt und ihre Fertigung nach Plan-les-Ouates an die Peripherie verschoben. Architektonisch Interessierte können sich dort ein Bild machen, durch welchen Baustil sich welche Uhrenmarke repräsentiert. Hier findet man fast alle wichtigen Namen Genfs versammelt, selbst Rolex darf nicht fehlen. Das absolute uhrmacherische Highlight der Stadt Genf ist jedoch das Privatmuseum von Patek Philippe, zu dessen Besichtigung keine Anmeldung notwendig ist.

Mit diesen drei Schwerpunkten sind die Sehenswürdigkeiten ums Uhrenland Schweiz noch längst nicht erschöpft, doch Vollständigkeit ist im Rahmen eines Artikels nicht möglich. Er soll vor allem Appetit machen. Und weitere Ideen findet ihr unter plus.ch/Reisen.

Adressen der Uhrmacher

Audemars Piguet Museum, Route de France 16, 1348 Le Brassus – www.audemarspiguet.com

Hôtel des Horlogers, Route de France 8, 1348 Le Brassu – (Neueröffnung im 2019!)

Hotel Le Rocheray, Le Rocheray 23, 1347 Le Sentier – www.rocheray.ch/de/

Museum Espace Horloger, Grand-Rue 2, 1347 Le Sentier – www.espacehorloger.ch

Musée International d’Horlogerie. Rue des Musées 29, 2300 La Chaux-de-Fonds – www.mih.ch

Museum Château des Monts, Rte des Monts, 2400 Le Locle – www.mhl-monts.ch/de/

Patek Philippe Museum, Rue des Vieux-Grenadiers 7, 1205 Genève – www.patekmuseum.com