Eine aktuelle, wunderschöne Sommergeschichte erzählt uns Silvia Schwerzmann Benmna (66). Voller Enthusiasmus ist sie anfangs Juni mit Ihrem Mann Mohamed (36) auf die Alp unter dem Alpengarten bei der Schynigen Platte gefahren. Gemeinsam mit einem erfahrenen Sennen und einer Zusennin wollten sie sich um 53 Kühe kümmern.

Schynige Platte

So kennen wohl viele von uns die Schynige Platte, Foto: Jungfraubahnen 2017

 

Mit einer schweren Vorgeschichte im Gepäck: Mohamed, der Tunesier, hat trotz monatelanger, intensiver Suche keine Stelle in der Schweiz gefunden und die Alp war eine gute Möglichkeit, um wenigstens mit einem Sommerjob über die Runden zu kommen. Die beiden hatten zuvor in Tunesien Reisen in die Wüste organisiert (www.sahara-magie.ch), doch nach den Attentaten brach der Tourismus völlig zusammen und sie mussten eine Alternative in der Schweiz suchen.

Und nun sollte Mohamed also auf der Alp das Käsereihandwerk erlernen. Silvia ging lediglich als Begleitperson mit und freute sich darauf, ihre Kräuterkunde zu vervollkommnen, lange Wanderungen mit dem Hund zu machen und im Herbst ausgiebig Pilze zu sammeln. Da sie bereits pensioniert ist und ihr Leben lang hart gearbeitet hat, stand für sie eigentlich fest, nicht mehr arbeiten zu wollen… Aber: nach 5 Tagen auf der Alp hat die Zusennin das Handtuch geworfen und ist wegen einiger persönlicher Differenzen wieder nach Hause gegangen. Am Tag darauf zog der Senn aus gesundheitlichen Gründen vor, die harte Arbeit doch lieber Mohamed zu überlassen, der das ganze ja schon gut im Griff hatte.

So standen Silvia und Mohamed da, ohne jegliche Alp-Erfahrung. Die beiden beschlossen, diese Herausforderung trotzdem anzunehmen und übernahmen so kurzerhand die Alp als Senn und Zusennin. Mohamed erhielt einen 5-tägigen Crash-Kurs im Käsen und Silvia wechselte von ihrem Freizeit-Look auf Arbeitskleidung und Gummistiefel. Die Bauern, welche ihre Kühe auf der Alp hatten, waren dankbar, denn sie hätten andernfalls die Kühe alle wieder ins Tal bringen müssen, da sie auf die Schnelle keinen neuen Käser gefunden hätten. So aber war der diesjährige Käse gesichert.

Mohamed beim Melken, Foto: Silvia Schwerzmann Benmna

Obschon die meisten Bauern kein Französisch sprechen und zu Beginn ob der neuen «Besetzung» doch einige Bedenken hatten, gaben sie Mohamed zu verstehen, dass sie seinen Einsatz und seinen Arbeitswillen enorm schätzten.

Auch Max von Allmen, der Manager besagter Alp, gibt mit einem Schmunzeln zur Auskunft, dass diese Geschichte zwar noch nicht wirklich hohe Wellen geschlagen habe, dass es aber schon etwas zu reden gebe. Im Grossen und Ganzen werde «sehr positiv darüber geplaudert» und das Paar sei der neuen Aufgabe mit Eifer entgegengetreten und sie hätten sich sehr schnell eingearbeitet. Respekt!

Mohamed lernte also kompetent zu käsen und verkäst seitdem ganz allein zwischen 700 und 800 Liter Milch pro Tag zu tollem Alpkäse. 2 Tonnen dieser Leckereien sind schon zu Tal gebracht worden, weitere 2 Tonnen warten bereits wieder auf den Abtransport.

Mohamed beim Käsen, Foto: Silvia Schwerzmann Benmna

Und Silvia? Sie handlangert und trägt Milchkübel zum Kessi (eben zwischen 700 und 800 Litern pro Tag!). Sie wäscht Melkmaschinen, Gebsen, Järben und Käsetücher (sie wusste vor 3 Monaten ja auch noch nicht, was das ist…), entrahmt Milch, macht Butter, kocht, putzt und hilft mit den Kühen… Zu Glück gesellt sich zu den beiden jetzt (nach einigen Wechseln) eine weitere tolle Hilfskraft, welche kompetent mit den Kühen umgehen, melken, Käse schmieren und zäunen kann.

Silvia Schwerzmann beim Käsetücher waschen, Foto: Silvia Schwerzmann Benmna

Das (arbeitsintensive) Märchen geht also weiter, und Silvia meint: «Jede freie Stunde – so wir denn eine haben – schlafen wir. Noch nie in meinem Leben habe ich so viel gearbeitet für so wenig Lohn… Und dennoch: Es ist (wieder einmal) ein ziemlich unvorhergesehenes Abenteuer, das uns sehr gefällt und uns um viele Erfahrungen reicher werden lässt. Und für Mohamed werden sich nun sicher einige Türen hier in der Schweiz öffnen, welche vorher verschlossen waren – inch’Allah.»

Weitere Geschichten finden Sie laufend in unserer  Rubrik “Menschen“. Und wenn Sie Ihre Geschichte uns zustellen wollen, einfach ein Mail an: geschichten@plus.ch.